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Brauchen wir eine Hausapotheke?

Nö, aber einen guten Tierarzt.

Viele Kaninchenratgeberseiten empfehlen dem Kaninchenhalter die Anschaffung einiger Medikamente oder Heilmittel für die persönliche Hausapotheke der Kaninchen.

Wir empfehlen Ihnen das nicht, sondern möchten eher davon abraten!

Wir sind keine Tierärzte, aber wir haben ausreichend Erfahrung, um uns zum Thema eine Meinung bilden zu können, die wir an dieser Stelle auch gern teilen möchten.

Mit einer kleinen selbsterlebten Anekdote möchte ich gern unserer Ansicht zum Thema Heimtieraptheke einen anschaulichen und lebenspraktischen Hintergrund geben.

Es war wie meist, wenn ein Tier krank wird, die denkbar ungünstigste Zeit dafür Sonntag Mittag gegen 11.00 Uhr. Einer unser Rammler kam nicht wie sonst im großen Freigehege auf mich sofort zugestürmt, sondern hockte in seiner Ecke. Er saß teilnahmslos da und auch das Leckerli wurde verschmäht. Aus meiner Erfahrung und dem Befühlen seines Bauches schloss ich, dass er unter einer Aufblähung litt, die bei Kaninchen schnell lebensbedrohlich werden kann. Ich hätte ihm unter Stress nun SabSimplex o ä. mit einer Pipette einflößen können und ihm auch Rodi Care akut verabreichen und danach noch appetitanregende und verdauungsfördernde Tropfen. Ich habe das alles nicht gemacht, sondern habe das Tier vorsichtig in eine Transportbox gesetzt, habe meinen Tierarzt angerufen, der von 10.00-12.00 Uhr auch an Sonn- und Feiertagen nach telefonischer Anmeldung eine Notsprechstunde anbietet und bin die 10 Minuten im Auto dahin gefahren.

Nach der Untersuchung seines kleinen Kaninchenpatienten und einem kleinen netten Plausch darüber wie es der Zucht und der Familie geht, bestätigte der Tierarzt meine vermutete Diagnose - Aufgasung. Er zog daraufhin zwei Medikamente für zwei Injektionen auf - einen Krampflöser und einen Schmerzhemmer. Danach verabreichte er dem Rammler noch drei Medikamente, die überall für die Hausaptheke empfohlen werden und fragte mich ein wenig herausfordern: "Na, so eine Aufgasung hätte ihr Opa (mittlerweile verstorbener und sehr erfolgreicher Vereinszüchter und Preisrichter) aber doch sicher zu Hause behandelt. Sie haben doch sicher diese Sachen hier auch in der Hausapotheke?" Ich habe ihm darauf geantwortet, dass ich diese Sachen seit zwei Jahren in der Hausapotheke liegen habe, aber noch nie gebraucht habe, sie wahrscheinlich das Verfallsdatum schon überschritten haben und die eigentliche & schnelle Hilfe doch durch die Injektionen erzielt worden ist, die ich nicht zu Hause habe. Natürlich wäre mein Großvater nie zu einem Tierarzt gefahren. Ein Tier war entweder gesund oder nur so krank, dass es mit dem guten Zureden des Züchters wieder geworden ist oder es wurde notgeschlachtet. Früher wurden Kaninchen im Studium der Tiermedizin gar nicht behandelt, weil kein Rassezüchter je einen Tierarzt brauchte. Ich möchte zugeben, dass mich die Aussage des sich mittlerweile im Ruhestand befindenden Tierarztes etwas in der Ehre gekränkt hat. Andererseits habe ich aber mit einem spontan geheilten Kaninchen, welches schon in der Praxis angefangen hat wieder zu fressen und nur 40 Euro leichter die Praxis insgesamt sehr glücklich und entspannt verlassen. Mein geliebter und teurer Zuchtrammler war wieder auf den Beinen, ich hatte genau eine Stunde insgesamt damit selbst sehr wenig Stress und konnte glücklich und zufrieden mit der Familie um 12.30 Uhr den Sonntagsbraten (kein Kaninchen) genießen.

Was zeigt uns diese Geschichte? Nun sie zeigt mir, dass die 80 Euro teure Investition in eine Hausapotheke für Kaninchen vor mehr als zwei Jahren komplett sinnlos war. Keines der Medikamente hatte ich bis zum Tierarztbesuch je gebraucht, da die Kaninchen nie krank waren. Und als ich sie hätte einsetzen können, hatte ich keine Lust, erst noch die Packungsbeilagen zu studieren und dem Kaninchen in dieser Situation mehrere Medikamente unter Zwang zu verabreichen. Auch ist das Verabreichen von Medizin beim Kaninchen meist gar nicht so einfach wie man denkt, vor allem nicht, wenn man damit keine Übung hat. Kaninchen nehmen in aller Regel Medizin nicht freiwillig als Futter zu sich auch wenn das manchmal auf Ratgeberseiten so zu lesen ist. Bei uns hat noch nie ein Kaninchen etwas freiwillig aus medizinischen Gründen gefressen, selbst wenn es unter Leckerlis gemischt wurde. Kaninchen können extrem gut selektieren!  Also muss man die Medizin zwangsweise ins Mäulchen geben, was prinzipiell beim Halter und auch dem Kaninchen großen Stress verursacht. Ich möchte behaupten, dass der Laie so etwas gar nicht hinbekommt und wenn, dann nur mit der anschließenden Ungewissheit, wieviel der Medizin denn nun tatsächlich geschluckt wurde. Eigentlich soll man Kaninchen beim Verabreichen von Tropfen oder Lösungen nie auf den Rücken drehen, sonders sie sitzend mit einem Arm fixieren und mit der anderen Hand die Pipette mit dem Medikament im Mäulchen gegen den Gaumen drückend entleeren. Bei meinem Tierarzt funktioniert das, bei mir selbst würde ich den Erfolg dieser Methode mit ca. 50% als gering einstufen. Im Notfall habe ich dann die Kaninchen doch auf den Rücken gedreht und beim Verabreichen darauf geachtet, dass sie wirklich gut mitschlucken. Wenn man diese Medizin also mal sehr selten braucht, ist es unendlich viel bequemer, sicherer und stressfreier das Tier zu einem Arzt zu bringen und außerdem auch nur halb so teuer, in meinem Fall auf zwei Jahre gerechnet jedenfalls. Der Tierarzt mag mich für unfähig und ein bisschen blöd halten, andere Hobbyzüchter mögen verständnislos den Kopf schütteln, aber damit komme ich eigentlich besser klar, als mit 80 Euro die verfallen im Schrank oder einem Tier, das leidet oder leidend wartet, weil der Halter erst noch lange im Internet Kaninchenkrankheiten recherchiert, wiegt, misst und flucht, weil das Kaninchen nicht schluckt, sondern spuckt. Außerdem halte ich es eigentlich für fahrlässig und gefährlich beim Kaninchen auf eine Laiendiagnose hin, irgendwelche Medizin zu verabreichen. Zugegeben, die meisten dieser oft für die Kaninchenapotheke empfohlenen Tropfen können beim Kaninchen selbst in falscher Dosierung wenig Schaden anrichten. Sehr großen Schaden kann man aber anrichten, wenn man aufgrund der Selbstmedikation den eigentlich dringend notwendigen Tierarztbesuch und die rasche professionelle Hilfe unnötig lange hinauszögert.

Alle Krankheiten, mit denen wir in unserer Zucht hier außer der Aufgasung schon zu tun hatten (EC, kümmerndes Jungtier im Alter von 6 Wochen), wären für meinen Opa Grund zur Schlachtung gewesen und waren für mich, da auch die Zuchttiere letztendlich unsere Liebhabertiere sind, ein Fall für den Tierarzt.

Daher mein Appell: fangen Sie bei einem Schnupfen des Kaninchens nicht erst groß an, teure Angocinkapseln zu kaufen, diese in mühsamer Handarbeit von ihrer Außenhülle zu befreien, nur um dann festzustellen, dass das Kaninchen sie trotzdem nicht als heilende Medizin erkennt und im Napf liegen lässt. Wir haben es auch schon einmal mit Kräuterkapseln aus der chinesischen Medizin versucht (auch recht preisintensiv), die unsere Tiere vorbeugend gegen Kokzidiose keinesfalls zu sich nehmen wollten. Kaninchen können sehr gut zwischen chinesischen Kräutern und Heilpflanzen von unserer Wiese unterscheiden, wie es scheint.

Gehen Sie bitte bei Verdacht auf eine Erkrankung des Kaninchens zum Tierarzt. Er wird dem Tier schnell und effektiv helfen können und Ihnen auch Tipps geben zur Vorbeugung.

Vielleicht hören Sie dabei von Ihrem Tierarzt auch mal ein Nörgeln in die ein oder andere Richtung, aber die Tiermediziner haben zumindest in unserem Fall eigentlich immer ihren Job gut gemacht und man muss bedenken, das ist wirklich kein einfacher Job.

Wenn Sie also vom Typ her eine Kräuterfee sind, dann informieren Sie sich auf anderen Ratgeberseiten über eine vernünftige Kaninchenhausapotheke und leiden Sie dann gemeinsam mit ihrem Tier und unter der ständig nagenden Frage, ob Sie nicht doch lieber zum Tierarzt fahren sollen. Ich weiß, dass es ironisch klingt, ist aber wirklich nicht so gemeint. Wenn Sie meinem Naturell entsprechen, welches zugegebenermaßen von der praktischen etwas direkteren Natur ist, dann habe ich Sie bestimmt davon überzeugt, dass es sowieso beim Tierarzt endet und er Ihnen, falls nötig, sowieso noch Medizin zusätzlich verkauft. (In meinem Fall mit der Aufgasung netterweise nicht,)

Bleibt zum Schluss noch der Hinweis, dass sich die Suche nach einem guten Tierarzt mehr lohnt, als die Investition in eine teure Hausapotheke. Meiner Erfahrung nach, gibt es eigentlich nur gute Tierärzte, aber nicht alle passten zu meinem Naturell.