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Vorwurf der Qualzucht bei Widderkaninchen

Tierschützer und einige Tierärzte stufen Widderkaninchen als Qualzucht ein und fordern vom Gesetzgeber ein Verbot der Widderzucht in Deutschland. Eine Qualzucht ist laut Deutschem Tierschutzgesetz §11 b:

[eine] Nachzucht, [der] erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten [...]

Es wird argumentiert, dass wegen der Hängeohren folgende Schäden und Schmerzen vorprogrammiert seien:

1. Widder hören etwas schlechter (wissenschaftlich nicht eindeutig nachgewiesen)

2. Widder leiden häufiger an Ohrenentzündungen und damit Schmerzen (wissenschaftlicher Beweis fehlt)

3. Widder würden sich in Gruppenhaltung häufiger an den Ohren verletzen

4. Widder haben ein eingeschränktes Gesichtsfeld also keinen Rundumblick

5. Widder könnten weniger gut mit Artgenossen kommunizieren, weil die Ohrstellung nicht verändert werden kann

Als leidenschaftlicher  Widderzüchter möchte ich dem Interessenten unserer Widderkaninchen kurz unsere Antwort zum Vorwurf der Qualzucht darlegen:

1. Ja, Widder hören nach persönlicher Erfahrung etwas schlechter, aber sie sind nicht taub. Das verursacht keine Schmerzen oder Leiden. Ganz im Gegenteil sind Widder in der Heimtierhaltung weniger schreckhaft und empfindlich gegenüber Geräuschen in der menschlichen Obhut. Widder gelten als generell sehr entspannte Kaninchenrasse. Einige Tierschützer argumentieren, dass Widder nur deshalb so lieb seien, weil sie vor lauter Ohrenschmerzen in einer Art Ruhehaltung verfallen. Sie können sich bei uns im Garten davon selbst überzeugen, dass unsere Widder mit voller Lebensfreude und Höchstgeschwindigkeiten durchs Gelände rasen. Glauben sie mir, die Gutmütigkeit der Widder ist nicht schmerzbedingt.

2. Dass Widderkaninchen häufiger an Otitis, also schmerzhaften Ohrenentzündungen leiden, ist wissenschaftlich NICHT belegt. Studien, die Tierschützer anführen, sind nicht repräsentativ und durch die Untersuchung von unterschiedlich alten und erkrankten Tieren auch nicht aussagefähig. Das Durchschnittsalter der Tiere in der Studie von Reuschel war 4 Jahre und untersucht wurden nur Tiere, die schon wegen einer Vorerkrankung in der Klinik vorstellig waren (vgl Reuschel 2018)  Eventuell haben diese Studien gezeigt, dass die  Anatomie des  Widderohrs anders und sich dadurch mehr Ohrenschmalz (Cerumen) ansammeln kann, wodurch Ohrenentzündungen begünstigt werden könnten. Es wurde möglicherweise also eine Prädisposition (also eine mögliche Neigung zu Ohrenentzündungen) im Alter nicht aber eine Prävalenz (eine überdurchschnittliche Anzahl an tatsächlichen Ohrenentzündungen) wissenschaftlich nachgewiesen. Tierschützer argumentieren, dass jedes Widderkaninchen im Laufe des Lebens wahrscheinlich eine schmerzhafte Ohrenentzündung entwickeln würde, welche aber unentdeckt bliebe, weil man sie durch den abgeknickten Gehörgang ohne Computertomografische Aufnahme (CT) oder ohne Röntgenbild gar nicht diagnostieren könne. Es wird vom Tierschutz weiterhin behauptet, dass diese versteckten Ohrenentzündungen von Kaninchen nicht angezeigt würden, weil Kaninchen als Beutetiere Schmerzen eben "verheimlichen". Anders ausgedrückt,  sollen alle Widder angeblich zeitlebens an einer sehr schmerzhaften Entzündung der Ohren leiden, die niemand sehen oder nachweisen kann, es sei denn der Widder wird in ein CT gelegt. Da nun bislang kein Wissenschaftler augenscheinlich gesunde Widderkaninchen in einer Versuchsreihe per CT auf verdeckte Ohrenentzündungen testen wollte, fehlen  wissenschaftliche Nachweise.

Deutsche Widderzüchter haben immerhin im Rahmen einer großen Ausstellung des ZDRK mit Widderkaninchen tierärztlich nachweisen können, dass keines dieser Tiere eine Ohrenentzündung hatte. Diese Tierärzte haben dazu keine CT's angefertigt, sondern mit einem speziellen Otoskop tief in die Ohren der Widder bis zum Trommelfell geschaut und nichts gefunden. Es stimmt, dass bei manchen Widdern die Gehörgänge verengt sind, aber seriöse Widderzucht legt großen Wert auf sehr breite Ohrenansätze, die einen tiefen Einblick eben doch möglich machen.

Im Internet behaupten viele Tierschützer außerdem, dass viele der Widder, die sie selbst natürlich nur aus der Tierettung bei sich halten,  nahezu ausnahmslos gegen Ohrenentzündungen behandelt werden müssten und dies enorm hohe Tierarztkosten verursachen würde. Ich gebe zu bedenken, dass Widder aus der Tierrettung seltenst aus seriösen Zuchten stammen und demzufolge auch keine repräsentative Widdergruppe darstellen.  

Das alles sind gute Gründe warum bislang die Widderkaninchen in Deutschland offiziell NICHT als Qualzucht eingestuft worden sind. Ganz im Gegenteil stehen viele Widderrassen auf der roten Liste der aussterbenden alten Nutztierrassen und deren Zucht wird öffentlich gefördert.

3. Verletzungen kommen in Gruppenhaltung von Kaninchen generell bei allen Kaninchen häufig vor, was wissenschaftliche Studien vor allem in der Masttierhaltung von Kaninchen gezeigt haben. Demzufolge ist allgemein die Gruppenhaltung von Kaninchen unter bestimmten Voraussetzungen kritisch einzustufen und weniger die Art, wie beim Kaninchen die Ohren stehen/ hängen. Ich persönlich finde es eine Frechheit mancher Tierschützer, die Gruppenhaltung von Kaninchen zu fordern ohne dass es im Handel adequate Haltungssysteme gibt und dann die häufigen innerartlichen Verletzungen der Tiere einfach totzuschweigen und nur bei den Widdern plötzlich davon zu reden. Forscher, die Wildkaninchen untersuchen, identifizieren die unterschiedlichen Individuen einer Kolonie sogar über das Verletzungsmuster der Ohren, das bei jedem Wildkaninchen vorhanden ist (trotz ihrer Stehohren).

4. Ja, Widderkaninchen können nicht nach schräg hinten schauen und wären in der Wildnis demzufolge ihren Feinden ausgeliefert und hätten einen deutlichen Nachteil gegenüber ihren Stehohrkaninchenverwanten. In der Obhut des Menschen entsteht allerdings durch das eingeschränkte Gesichtsfeld KEIN Nachteil oder Leiden oder Schmerz für das Kaninchen.

5. Widder zeigen in Großgruppen mit Stehohrkaninchen KEINE Auffälligkeiten in ihrem artspezifischen Verhalten und haben KEINE Nachteile in der Rangordnung oä. gegenüber den Stehohrkaninchen. Kaninchen kommunizieren anders als Hunde oder Pferde gar nicht mit den Ohren, da sie weitsichtig sind und sich in der Nähe auf Geruch und Tastsinn verlassen. Ihre Augen sind spezialisiert auf die frühzeitig Wahrnehmung von potentiellen Feinden in der Dämmerung. Sie sehen also auf die Ferne gut und in der Nähe eher schlecht. Kommunikation unter Kaninchen findet aber immer auf die Nähe statt, was man gut erkennt, wenn man Kaninchen vergesellschaften möchte. Stehohrkaninchen bewegen ihre Ohren in verschiedene Richtung um Geräusche besser orten zu können. Diese Bewegungen dienen NICHT der Kommunikation mit anderen Kaninchen. Unterhaltsam ist in diesem Zusammenhang auch ein auf der Seite der Kaninchenwiese veröffentlichtes Schaubild, welches die Bedeutung der einzelnen Ohrstellungen in Sprache übersetzen soll. Angelegte Ohren bedeuten dabei gleich zwei sehr entgegensätzliche Botschaften: 1. Angriffslust und 2. völlige Entspannung. Es tut mir leid, aber durch Verbreitung solcher Fehlinformationen kann ich manche Infoseiten im Internet einfach nicht ernst nehmen. 

Festzuhalten bleibt, dass laut Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen) durch die Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht  KEIN generelles Verbot der Widderzucht in Deutschland geboten ist.

 

Wenn Sie sich dennoch aufgrund der oben vorgebrachten Argumente Sorgen machen, dass Widderkaninchen eine qualzuchtrelevante Rasse darstellen, dann sollten Sie natürlich auf andere Kaninchenrassen umschwenken. Leider stuft der Tierschutz so gut wie alle Liebhaberrassen als qualzuchtrelevant ein. Hermelin und Zwergkaninchen wegen des Zwergenfaktors und angeblich zu kurzen Kopfes, Löwenköpfchen und Teddykaninchen wegen des schnell verfilzenden Fells, Satin und Rexkaninchen ebenfalls wegen des Fells, das zu wenig Schutz vor der Witterung bietet, Löffelohren wegen der zu kleinen Ohren, die die Wärmeregulation stören usw. Statt dessen raten manche Tierschützer dazu sich weniger empfindliche Rassemixe zu kaufen. BITTE TUN SIE DAS AUF KEINEN FALL! Rassemixe stammen nie aus seriösen Zuchten und werden durch die disproportionierten Körperverhältnisse garantiert schneller an Krankheiten leiden als ein Rassekaninchen. Auch der Rat dann doch auf eine größere Rasse oder Schlachtkaninchen auszuweichen, ist aus Liebhabersicht absolut abzulehnen. Größere Kaninchenrassen wurden allesamt auf Fleischgewinnung gezogen und sind körperlich nicht für ein langes Leben in der Liebhaberhaltung gemacht.

Die klassischen Liebhaberrassen zu denen auch die Zwergwidder gehören wurden jahrzehnelang auf Liebhabereigenschaften hin gezüchtet. Das macht einen sehr großen Unterschied. Natürlich kann auch ein mittelgroßes Holländerkaninchen oder ein Lohkaninchen oder ein Perlfeh oder ein Luxkaninchen ein toller Gefährte sein, aber diese ausschließlich in der Rassezucht angebotenen Rassen, werden von Rassezüchtern meist gar nicht an Liebhaber abgegeben und sind aus meiner persönlichen Erfahrung auch meist nicht so zahm wie die Tiere aus einer Liebhaberzucht.

Aufgrund des tiermedizinischen Fortschritts werden Heimtiere heutzutage natürlich auch viel älter als noch vor wenigen Jahrzehnten. Natürlich entwickelt auch jedes ältere Kaninchen irgendwann Krankheiten. Inwiefern sich im fortgeschrittenen Kaninchenalter eine Behandlung ohne Aussicht auf Heilung dann noch lohnt, müssen sie als Halter mit einem Teirarzt Ihres Vertrauens abstimmen. Dass alte Kaninchen wie alle Lebewesen irgendwann erkranken, ist kein züchterisches Versagen sondern der natürliche Lauf der Dinge.

Informieren Sie sich gern auch zum haltlosen Vorwurf der Qualzucht bei Widdern unter:

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